Farbenspiel vor’m Sternenhimmel

Das erste Mal ist es uns im Sommer passiert. Am Ende unseres Roadtrips durch Nordnorwegen und die Lofoten sind wir noch ein paar Tage auf der Insel Andoya geblieben. Eines Nachts, so gegen 3 Uhr in der Früh, sind wir aufgewacht, ein paar Schritte vor unsere Hütte gegangen und auf einmal waren sie da: grünlich schimmernde, tanzende Schleier am Himmel: Polarlichter. Wir standen einfach nur da, haben gestaunt (und das eine oder andere Foto gemacht). Von da an war für uns klar, wir wollen auch mal Polarlichter im Winter erleben.

Diesen Winter war es dann soweit. Wir wollten gen Norden fliegen, dorthin wo es eisig kalt, die meiste Zet dunkel und hin und wieder auch mal nass ist. Als erstes ging es darum, einen passenden Zeitraum zu finden. Die Wahrscheinlichkeit für Polarlichter sollte natürlich möglichst hoch sein. Es sollte noch Winter sein, aber schon möglichst lange hell und der Mond sollte nicht allzu stark strahlen, also am besten bei Neumond. Ende Februar war dann die perfekte Zeit gekommen. Was wir nicht wussten und wo wir richtiges Glück hatten: in diesem Zeitraum war gerade ein Maximum an Sonnenaktivität knapp vorüber, sodass die Polarlichter dadurch häufiger auftraten und auch stärker waren. Und das hat uns echt manchmal die Sprache verschlagen … im wahrsten Sinne des Wortes.

Abends so gegen 22 oder 23 Uhr hieß es dann jeden Tag: Warm anziehen, Sachen packen, Wolkenvorhersage checken … und dann raus in die Kälte. Mussten wir am ersten Tag noch relativ weit fahren um einen wolkenfreien Himmel zu bekommen waren die darauf folgenden Nächte schon klarer.
Aber eine sternenklare Nacht ist noch lange kein Garant für Polarlichter. Und so war es immer ein Katz- und Mausspiel, wo wohl das nächste Polarlicht aufflackern mag. Und das war auch Teil der Geschichte, die das Erlebnis zu etwas Besonderem gemacht hat: Nachts über die Lofoten zu fahren auf der Suche nach dem grünen Leuchten. Ohne die Gewissheit zu haben, ob man überhaupt eines findet und falls man eines sieht, dann auch noch einen schönen Platz finden um es zu fotografieren.

Und wir hatten Glück, wurden nicht enttäuscht. Waren die ersten Polarlichter noch leicht schimmernde Bögen am Horizont, so kam kurz darauf schon eine Brücke aus grünem Licht auf uns zu, waberte über unseren Köpfen und tauchte die Landschaft in mystisch schimmerndes türkis-grün: Die Intensität der Farben, die langsamen Bewegungen bei absoluter Windstille und die totale Ruhe in der wir uns in dieser Nacht befanden waren einfach hinreißend. Und es sollte erst der Anfang sein.

Mit der beruhigenden Gewissheit schon Polarlichter gesehen zu haben, machten wir uns in der nächsten Nacht wieder auf die Suche. Dieses Mal sind wir Richtung Westen losgefahren. Warum auch immer wir spontan von der Hauptstraße Richtung Vikten abgebogen sind: Wir wissen es nicht. Aber die kleine Uferstraße führte uns zu einem kleinen Strand, einem winzigen Dorf vor mächtiger Bergkulisse und atemberaubenden Polarlichtern. Die Intensität war viel höher als in der gestrigen Nacht und das Schauspiel dauerte über Stunden. Der kleine Ort am Fuße der Berge bot dazu noch eine traumhafte Kulisse.
Unser zweiter Stop in dieser Nacht war Haukland Beach. Bei Tag hatten wir dort schon nach passenden Aussichtspunkten Ausschau gehalten. Anfangs noch unschlüssig ob wir die Stichstraße nach Haukland noch fahren sollten – es war schon kurz nach zwei Uhr nachts, wir waren schon ein paar Stunden unterwegs und mehr als glücklich mit dem was wir bisher gesehen haben – hat dann doch die Neugier gesiegt. Und wieder einmal hat sich’s ausgezahlt: Der ganze Himmel strahlte grünlich, das Meer und der Schnee an den Hängen reflektierte das Licht und nach Norden hin wurde ein Lichtstrahl immer intensiver, bis er schließlich im Meer zu versinken schien. Als wir wieder zurück in unserer Hütte im Bett lagen, waren wir noch viel zu aufgedreht um einschlafen zu können. Aber irgendwann sind wir dann doch eingeschlafen und haben vermutlich von grünen Polarlichtern geträumt.

Nach einem kurzen Abstecher Richtung Henningsvær ging es weiter zu unserer letzten Station auf den Lofoten: Reine, vorne an der Spitze des Archipels. Der Ort liegt grandios über mehrere felsige Inseln verteilt, die verbunden sind durch Dämme oder geschwungene Brücken. Und das alles vor einer Szenerie aus steil auf dem Meer aufragenden Bergen. Es ist schon ein ganz besonderer Ort, und wenn man ihn einmal gesehen hat, will man bestimmt nochmals wieder dorthin zurück kommen.

Als wir dort angekommen waren fiel uns gleich die große Dichte an hochwertiger Fotoausrüstung auf, die die anderen Touristen mit sich trugen. Und die hohe Anzahl an Vans, welche die Fotografen, die offensichtlich Foto-Touren über die Lofoten gebucht hatten, in Windeseile von einem Hotspot zum nächsten chauffierten. Wie wir am nächsten Tag feststellen konnten, war dies in Reine jedoch nur ein kurzzeitiges Phänomen: Die Fototouren waren weiter gezogen und Reine fiel wieder zurück in seinen Winterschlaf. Passend dazu setzte auch starker Schneefall ein, der aber zum Glück nicht bis in die Nacht hinein anhielt.

Der Abend war wieder sternenklar und so mussten wir nicht allzu weit fahren, bis wir die ersten Polarlichter zu Gesicht bekamen. Unser Ziel für diese Nacht war der Strand bei Flakstad. Wir konnten einige schöne Bilder machen, aber da der Strand direkt neben der E10 liegt, inklusive Parkplatz, war dieser Spot relativ überlaufen. Nachdem die Polarlicht-Aktivität in dieser Nacht auch nicht sonderlich hoch war (ja, man wird da sehr schnell wählerisch…), sind wir gegen Mitternacht wieder zurück in unser Appartment nach Reine gefahren. Wir hatten tagsüber schon recht viel Programm geplant und die nächste Nacht sollte die letzte auf den Lofoten werden. Und da wollten wir auf jeden Fall nochmals lange raus und möglichst viele Polarlichter sehen. Und als ob es eine Dramaturgie für diesen Urlaub gäbe, sollte das die beeindruckendste Nacht von allen werden.

Schon ein paar Kilometer hinter Reine sahen wir das grüne Flackern in der Ferne. Als ersten Spot für diese Nacht hatten wir uns die geschwungenen Brücken bei Fredvang ausgesucht. Das Polarlicht diese Nacht war so stark wie die ganzen letzten Nächte nicht. Als wir aus dem Auto ausgestiegen sind und schnell die Fotoausrüstung aufbauen wollten, stand Sie erst einmal da, mit dem Kopf im Nacken und staunte einfach nur über das, was sich da am Himmel abspielte, unfähig an irgendetwas anderes zu denken. Über uns breitete sich ein Vorhang aus grünem Licht aus. Er bedeckte fast den ganzen Himmel. Nur im Norden waren Sterne zu erkennen. Das Schauspiel dauerte schied endlos. Wir standen da, drückten hin und wieder auf die Fernauslöser unserer Kameras und konnten einfach nur staunen.
Als das Licht nachließ, sind wir auf einen nahe gelegenen Hügel gestiegen und haben in die andere Richtung zum Mond hin noch ein paar Bilder gemacht. Das Polarlicht war gerade dabei sich spiralförmig aufzulösen. Erst jetzt merkten wir die Kälte und den Wind so richtig. Wir standen ausgesetzt auf einer kleinen Insel mehr oder weniger mitten im Meer, durch den Wind waren es mindestens gefühlte -15 Grad, aber es war einfach zu faszinierend um jetzt irgendwo gemütlich im Warmen mit einer Tasse Tee zu sitzen.
Immerhin die Thermoskanne, die wir uns kurz vor unserem Abflug noch besorgt haben, hat uns diesbezüglich sehr gute Dienste erwiesen (Thermoskanne und Sitzheizung im Auto sind neben guter Kleidung essentielle Bestandteile von solchen Trips).

Was jetzt noch fehlte war ein Bild mit Polarlichtern und einem Haus. Von unserem letzten Trip auf die Lofoten erinnerten wir uns noch an einen abgelegenen Strand in der Nähe von Fredvang, nicht weit von hier. Nachdem wir uns auf der kurz Fahrt zum Strand aufgewärmt hatten, sind wir also wieder raus in die Kälte und haben uns staunend mit unseren Kameras an den Strand gestellt. Das Polarlicht war jetzt nicht mehr so grell. Statt dessen zogen leichte, transparente Schlieren über uns hinweg. Ihr Ursprung schien hinter den Bergen in einer gelben Lichtquelle zu liegen. Sie bewegten sich ganz sanft und langsam. Vor einem dunkelblau schimmernden Sternenhimmel, den wir so noch selten gesehen haben. Und links, etwas abseits vom Strand, lag ein Haus, die Lichter darin schienen und vermutlich standen seine Bewohner auch gerade draußen auf der Terrasse, mit einer warmen Tasse Tee in der Hand und schauten diesem Spektakel am Himmel zu.

Es war unser letzter Abend mit Nordlichtern auf den Lofoten. Voll mit einzigartigen Eindrücken haben wir die nächsten Tage noch in Norwegen verbracht. Weder tausend Worte noch tausend Bilder können die Eindrücke, welche wir in den Tagen in Norwegen erlebt haben, adäquat beschreiben. Es ist ein Erlebnis, dass auf Bilder schon beeindruckend scheint, aber noch viel eindrücklicher wird, wenn man selber mal unter Polarlichtern steht, ihre zarten Bewegungen sieht und in dieser grandiosen Landschaft an nichts anderes mehr denken kann als an den Moment, in dem man sich gerade befindet.

Nachdem wir wieder auf dem Festland in Bodø zurück waren, sind wir nachts nochmals in’s Landesinnere gefahren um in unserer letzten Nacht auch dort vielleicht nochmals ein paar Polarlichter zu sehen. Das Maximum an Polarlicht-Aktivität war nun schon ein paar Tage vorüber. Wir sahen trotzdem am Horizont noch ein paar grünliche Streifen über den schneeweißen Hügeln am Horizont. Der Mond schien in dieser Nacht schon recht hell und der dunkle, fast schwarze Nachthimmel der letzten Tage ist einem dunkelblauen Himmel gewichen.
Es waren schöne Polarlichter, keine Frage, aber in dieser Nacht erkannten wir erst, welches Glück wir die letzten Tage gehabt hatten.

  2017 – Ein etwas verspäteter Jahresrückblick – Teil 2 Ein Samstag in London